Das ehrliche Interview (5) mit Mavie John - "Geh in die Verantwortung und liebe was du tust!"

26. Oct, 2018

Foto privat

Mavie und ich haben uns vor ca. 10 Jahren im Personalbereich von meinem früheren Arbeitgeber Vodafone kennengelernt: Ich war gerade aus dem Marketing als Quereinsteigerin in den Personalbereich gewechselt und sie stand noch am Anfang Ihrer Karriere. Schon damals fand ich Sie besonders: Viel Energie, eine große Durchsetzungskraft und ja, zielstrebig. Wir sind irgendwie immer in Kontakt geblieben, und so konnte ich seitdem Ihre Entwicklung verfolgen, die in dieser Zeit wirklich beeindruckend verlaufen ist. Nicht nur, dass Sie mittlerweile als Führungskraft ein großes Team in einem sehr dynamischen Umfeld leitet. Sie hat auch 2 Töchter und ist über 14 Jahre glücklich verheiratet. Ich habe Ihr oft beim Leben aus der Ferne zugeschaut und mich gefragt, wie sie das alles schafft. Und damit ist sie eine perfekte Interviewpartnerin für diese Reihe. Ausnahmetalent oder Wonderwoman? Lies selbst…Ein kleiner Hinweis zu Anfang:  Wer diese Interview-Reihe kennt, der weiß, dass ich bislang möglichst das ganze Gespräch in allen Details mitprotokolliert habe. Dies auch, um alle Nuancen zum Ausdruck zu bringen. In diesem Interview war das schlicht und ergreifend nicht möglich, weil einfach unfassbar viel Material zusammengekommen ist. Mavie und ich haben uns hinterher auf eine Art Essenz verständigt – Ihr bekommt also Ihre Erfahrungswerte besonders prägnant und damit auch leichter zu verinnerlichen zu lesen.

JP: Liebe Mavie, danke, dass du dich für das Interview zur Verfügung gestellt hast. Ich weiß, dass du deine Zeit gut einteilen musst. Stell dich doch einfach erstmal kurz vor. Wie alt bist du? Dein Familienstand? Kinder? …

MJ: Ich bin 40 Jahre alt und habe zwei Kinder. Zwei Mädels, Lara ist fünf Jahre alt, und die Leticia ist jetzt erst zwei Jahre alt. Ich selbst bin Halb-Brasilianerin, halb Deutsche. Mein Leben ist praktisch zwischen zwei Kulturen aufgeteilt. Mittlerweile bin seit 2003 wieder in Deutschland und davon jetzt 14 Jahre bei Vodafone, immer wieder mit anderen Aufgaben. Derzeit verantworte ich die Gruppenleitung des Kundendienstes in den sozialen Medien mit einem Team von 50 Mitarbeitern.

JP: WOW! Das ist schon eine ganze Menge, und auch viel Verantwortung. Wie habt ihr euch mit den Kindern organisiert? Wie lange hast du nach den Geburten ausgesetzt? Ich habe es so verstanden, dass du zur Zeit eine Vollzeitstelle hast…?

MJ: Ich war bei jedem Kind ein Jahr weg. Ganz raus. Das war mir auch wichtig. Ich bin jedes Mal wieder Vollzeit eingestiegen und besetze auch im Moment eine Vollzeitstelle. Wir haben aber schon vor dem ersten Kind intensiv darüber gesprochen, wie wir uns aufstellen wollen als Familie. Bevor man in die Familienplanung geht, sollte man möglichst einen Partner haben, mit dem man sich in der Lebensplanung grundsätzlich einig ist. Wenn ich einen Partner habe, der eine komplett andere Vorstellung hat als ich, dann ist der Konflikt vor programmiert. Oft leiden dann die Kinder drunter.

JP: Habt ihr dann wirklich vorher explizit darüber gesprochen, wie ihr euch organisieren wollt?

Der richtige Partner macht den Unterscheid & ein intensiver Austausch auf Augenhöhe zwischen gleichberechtigen Partnern VORHER schaffte die Grundlage

MJ: Wir haben uns intensiv und vor allem auf Augenhöhe darüber unterhalten, wie wir uns aufstellen wollen. Ich habe genauso über meine Karriereziele und meine Ambitionen diskutiert wie er. Und wir haben geschaut, wie das für uns funktionieren kann, wer von beiden welchen beruflichen Fokus legt. Wer muss eventuell flexibler sein? Und wie kann das trotzdem funktionieren, dass beide glücklich werden? Und in welchem Modell kann das sein? Beide sind gleich wichtig. Man kann sich ganz viele Tipps und Erfahrungswerte von Kollegen, Familie oder Freunden holen, die bereits einen Schritt weiter sind. Man muss da nicht ganz ahnungslos einsteigen.

JP: Wie war das für dich? Du hast also vorher intensiv gesprochen, dich vorbereitet, Erkundigungen eingeholt. Und dann kommt ja dieser krasse Wechsel, von dem man eigentlich erst hinterher weiß, wie krass er eigentlich ist. Du bist aus einer Vollzeitstelle ausgestiegen, bist dann ein Jahr mit Kind zuhause geblieben und dann wieder Vollzeit eingestiegen. Wie hast du diese Übergänge für dich gemanaged?

Klarer Fokus auf das, was ansteht, war der Schlüssel zum Erfolg. Und: Lieben was du tust – das hilft sehr bei der Vereinbarkeit!

MJ: Für mich war das ganz klar. Ich habe mich auf das fokussiert, was gerade dran war. Ich habe eine Entscheidung getroffen, dass ich Mutter sein möchte. Und ich habe mir dann ab dem Moment, in dem ich meinen Schlüssel und meinen Ausweis abgegeben habe, ganz bewusst gesagt, jetzt fokussiere ich mich eine Zeit lang auf die Kinder. Aber auch keine Sekunde vorher; da war ich voll auf meinen Job konzentriert bis auf den letzten Tag. Wie Sheryl Sandberg in Lean In schreibt: „Dont leave before you leave“. In der Elternzeit habe ich natürlich auch viel für mich persönlich gemacht. Man muss mal ganz ehrlich sein: In Deutschland hat man diesen Luxus! Ich komme aus einer anderen Kultur, wo es jetzt erst seit zwei Jahren oder seit ein paar Jahren sechs Monate Auszeit gibt. Ich finde es absolut großartig, dass es das gibt und dass man als Frau überhaupt diese Möglichkeit hat, beides zu machen. Als Mann übrigens auch. Und deshalb habe ich diese Zeit wirklich als absolutes Privileg und großes Geschenk gesehen. Ich bin nicht nur Mutter, ich bin auch ein Individuum. Und für mich ist die Arbeit ganz wichtig, denn hier verwirkliche ich mich auch. Meine Arbeit macht mir Spaß! Ich liebe, was ich tue.

JP: Wie hast du dich denn entschieden? Wie macht ihr das jetzt im täglichen Leben? Wie ist so ein klassischer Arbeitstag gestaltet?

MJ: Unser Tagesablauf sieht so aus: Ich übernehme morgens und abends die Kinder. Mein Mann holt sie dann meistens gegen halb fünf vom Kindergarten ab. Ab dann hat er mit ihnen die Papa-Zeit bis ich nach Hause komme. Dann habe ich noch ca. zwei Stunden mit meinen Kindern, bevor sie ins Bett gehen. Und diese zwei Stunden sind auf jeden Fall jeden Tag mit einem gemeinsamen Abendessen gefüllt, Qualitätszeit und Organisation für den nächsten Tag. Wenn die Kinder schlafen und ich nicht mehr an den PC muss kann mein Abendritual beginnen.

Struktur und persönliche Morgen- und Abendrituale bilden den festen Rahmen für den Alltag

JP: Das klingt jetzt nach sehr viel Struktur. Jeder hat irgendwie so seinen Zeitraum, der ungefähr eingehalten wird. Du hast jetzt Morgen- und Abend-Rituale für dich speziell erwähnt. Was machst du da? Was erlebst du daran als stützend für dich?

MJ: Das Abendritual ist für mich sehr wichtig! Da meditiere ich und komme von Tag runter. Ich schreibe mir auf, wofür ich an diesem Tag dankbar sein kann. Was ist gut gelaufen, was ist schlecht gelaufen? Was nehme ich mir für den nächsten Tag priorisiert vor? Wenn es gut läuft, schaffe ich auch abends noch ein bisschen Sport einzuschieben. Morgens geht es eher um die Kinder und Organisatorisches.

JP: Das sehe ich im Coaching auch immer wieder und das halte ich für einen ganz wichtigen Punkt: Wirklich zu erkennen, was ist im Fokus? Und wo darf ich auch mal Fünf gerade sein lassen und darf auch mal gnädig mit mir sein und muss nicht alle Ansprüche erfüllen?

Prioritäten setzen hilft und ganz bewusst zeitweise von bestimmten Themen lösen

MJ: Echte Prioritäten zu setzen ist nicht immer leicht, aber befreit. Manche Dinge können und müssen warten. Und es ist okay, mit sich selbst auch mal ein bisschen gnädig zu sein. Was mir persönlich allerdings sehr schwer fällt. Auch Freundschaften zum Beispiel. Ich lasse ungern meine Kinder zuhause und ziehe selbst los. Andere Freundinnen sagen mir, der eine Abend, das sei doch nicht so schlimm. Stimmt ja auch. Logisch gesehen haben sie recht.

JP: Sag mal, worauf bist du richtig stolz nach all den Jahren und Erfahrungen, mit all den kulturellen Unterschieden?

MJ: Es macht mich stolz, ein Vorbild für meine Töchter zu sein. In der modernen Welt haben sie einfach andere Optionen als früher, und das möchte ich ihnen unbedingt mitgeben! Und ich bin stolz auf uns als Familie, dass wir als Team so gut funktionieren und dass mein Mann und ich uns alles aufteilen. Ich bin unendlich dankbar und auch stolz auf ihn, dass er uns so wunderbar unterstützt.

In der Partnerschaft zählt das Gesamtergebnis und nicht, was der eine und was der andere dazu beigetragen hat. Das Gespräch unter Partnern sollte von Respekt und Mitgefühl geprägt sein.

MJ: Das ist mir beides besonders wichtig gewesen – immer!

JP: Das heißt, Ihr fangt gar nicht erst an aufzurechnen, wer was gemacht hat? So nach dem Motto „Ich habe aber abgewaschen, dann musst du aber staubsaugen“ oder so?

MJ: Genau. Das ist absolut egal, wer jetzt was, wann oder wo gemacht hat. Es geht darum, dass wir gut zueinander sind und die Kommunikation aufrechterhalten. Das ist das absolute das A und O, offen und direkt seine Bedürfnisse zu kommunizieren. Und auch um Hilfe bitte, wenn es nötig ist. Und nicht versuchen, alles mit sich allein auszumachen.

JP: Das klingt alles unfassbar gut strukturiert, durchdacht und so glatt und reibungsfrei, dass mancher Leser vielleicht denken könnte, dass das bei dir alles ganz problemlos läuft. Was bestimmt nicht der Fall ist, oder? Hast du mal ein Beispiel dafür, was dir in all der Zeit richtig schwer gefallen ist oder was vielleicht auch nicht funktioniert in Eurem Modell?

MJ: Regelmäßig Sport machen. Ganz ehrlich, da finde ich im Moment viel zu selten Zeit für mich. Da müsste ich wahrscheinlich nochmal anders planen. Aber dann ginge es wieder zu Lasten von anderem, was mir in der Familie wichtig ist. Gefühlt bleibt dann irgendjemand anderes wieder auf der Strecke, und das fällt mir persönlich schwer.

JP: Das kann ich gut verstehen – der Tag hat eben nur 24h. Das kenne ich auch sehr gut! –  Wenn du jetzt drei Wünsche an eine gute Fee frei hättest, was würdest du dir da spontan wünschen?

MJ: Ich würde mir wünschen, dass meine Tochter sich nicht mehr über dieses Thema unterhalten muss, sondern, dass es für sie selbstverständlich ist in einer gleichberechtigten Welt zu leben. Ich wünsche mir außerdem ganze zwei Wochen in der Sonne. Ach ja, und sehr viel Gesundheit für meine Familie, weil das am Ende des Tages alles ist, was zählt.

JP: Gibt es irgendwas, was ich dich noch hätte fragen sollen, was wichtig wäre?

MJ: Gute Frage. Ich glaube, wir haben noch nicht über die Rolle des Mannes geredet.

JP: Dann lass uns das noch tun! Ich glaube, du bist jetzt die Erste in dieser Interview-Serie, die explizit nochmal die mögliche Perspektive der Männer rein bringt.

Männer spielen in der Vereinbarkeitsdiskussion eine wichtige Rolle und haben auch große Chancen

MJ: Das Thema Vereinbarkeit kann doch auch für Männer eine Chance sein! Nicht in einem alten Rollenbild gefangen zu sein und auch mal entlastet zu werden an dieser Stelle. Sie könnten viel freier und ganz bewusst für sich die Rolle in Anspruch nehmen: “Ich möchte bei meinen Kindern sein”. Männer sind auch oft immer noch die Entscheidungsträger und können viele Frauen als Mentor dienen – auch dabei spielen sie eine wichtige Rolle.

JP: Ich finde die Perspektive schön, dass Männer auch Chancen haben, wenn wir als Gesellschaft offener werden für unterschiedlichste Modelle. Danke dir für den wunderbaren Impuls! Und ich danke dir für das Interview und wünsche dir alles Gute und weiter ein gutes Händchen für dein Family-Team!

 

 

Mavie ist in Social Media sehr aktiv. Ihr könnt Sie erreichen und finden via Linkedin 

 

Falls du noch mehr lesen möchtest dazu, wie andere Frauen in meinen ehrlichen Interviews geantwortet haben, dann findest du das hier:

Nr 4 – Tanja Bettermann – “Ich will Eltern stärken”

Nr. 3 – Doreen Knapp – “20 Sekunden Umarmung sind schon genug!”

Nr. 2 – Michaela Baumgartner – “Der Druck auf Paare wächst! Und wie viel Sex braucht eine gute Beziehung?”

Nr. 1 – Anja Schulz – “Du kommst im Job nur so weit, wie dein Partner das mitträgt!”

 

Das von Mavie erwähnte Buch von Sheryl Sandberg heißt „Lean in

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