Arbeitgeberwechsel - Beim nächsten Mal wird alles anders?

29. Jun, 2018

Auf der Suche nach dem Traumjob – the sky is the limit?

„Sie werden sehen, da draußen werden Sie nicht erfolgreich sein. Was suchen Sie denn da? Hier gibt es doch alles, was Sie brauchen! Ich halte das für einen großen Fehler! Und ein Risiko!“ Der Kollege schaute mich entgeistert und fast verärgert an. Es war das Jahr 2000 und ich hatte am Tag zuvor meine Arbeitsstelle bei der Bayer AG gekündigt, um bei E-Plus als Produktmanagerin neu anzufangen. Bayer war damals ein sehr großer Konzern, mit einem weltweiten Footprint. Die Chemie- und Pharmaindustrie ist auch bis heute eine der Industrien, wo tendenziell besser bezahlt wird. Wer damals bei Bayer war, der ging davon aus, dass er bis zur Rente sicher war. Umso geringer das Verständnis dafür, dass ich gehen wollte, ungeduldig war, und auch noch sowas wie Mobilfunk anstrebte. Dieser erste Schritt war tatsächlich besonders, aber es sollte nicht der letzte dieser Art sein. Ich war bereit, meinen Traum-Job zu finden und wollte mich ausprobieren.

Der Tag des Abschied kam, und ich verließ das Hochhaus, W11, gab meinen Firmenausweis ab. Und ich weiß noch, dass ich von außen an diesem Gebäude hochschaute und mich fragte, ob ich vielleicht wirklich dabei war, einen riesigen Fehler zu begehen. Ich war sehr emotional. Ich hatte das Gefühl, meine “Familie” zu verlassen, den “Schutz des Stammes zu verlieren” und viel zu viel zu riskieren. Total verrückt! Im Lied von Cat Stevens heißt es „the first cut ist the deepest“ – der erste Schnitt, die erste Trennung ist die Schwierigste bzw. Schmerzhafteste. Das stimmt. Mein „Bayer-Kater“ dauerte noch etwas an. Ich brauchte fast 1 Jahr, bis ich nicht mehr „wir“ sagte, wenn ich über Bayer sprach. Nach 6 Jahren dort, davon 3 intensive Ausbildungsjahre, die sehr prägend für mich waren, hatte ich dort richtig Wurzeln geschlagen. Ich hatte vor allem auch Freundschaften geschlossen, die tatsächlich teilweise bis heute halten. Es war echt hart! Vor allem gab es viele lieb gewonnene Routinen wie das gute Mittagessen im Kasino, der Spaziergang durch den großen Park. Viele liebe Freunde und Kollegen. Nestwärme und Sicherheit. Vor allem Letzteres. Prägender Satz meiner Eltern: Der Esel geht auf’s Eis! Sicherlich richtig für die Nachkriegsgeneration.

Und gleichzeitig wurde dieser Schritt mehr als belohnt. Ausschlaggebend für den Wechsel war unter anderem, dass Bayer meinen Diplom-Abschluss, den ich berufsbegleitend gemacht hatte, nicht in der Bezahlung anerkennen wollte. Der Wechsel bedeutete direkt einen großen Schritt vorwärts in Bezug auf mein Gehalt!
Der andere große Vorteil, den ich heute fast noch wertvoller einschätze, war, dass ich in eine ganz neue Branche einstieg, neue Aufgaben übernahm, eine neue Unternehmenskultur kennen lernte und damit einen riesigen Zugewinn auf persönlicher Ebene verbuchen konnte.
Klar bestand grundsätzlich das Risiko, dass ich scheitere. Ich habe mich trotzdem getraut und bin gesprungen, und siehe da – es ist gut gegangen. Das stärkte das Selbstwertgefühl. Fremde Branche, neue Aufgabe. Man hat mir viel zugetraut. Und ich habe mich in der Folge sehr angestrengt, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Und ja, Mut wird aus Angst gemacht. Mein Haupttreiber war und ist die Neugierde. Ich hatte alles sehr gut überlegt und hatte lange alles gegeneinander abgewogen. Ironie des Schicksals war, dass ich zwei Tage bevor ich kündigen wollte, tatsächlich noch eine Umgruppierung mitgeteilt bekam. Danach sollte ich nochmal den Arbeitgeber wechseln und dann innerhalb dieses Unternehmens verschiedene Stationen haben bis schließlich der große Wechsel in die Selbstständigkeit kam. Aber dieses erste Mal blieb für mich ganz besonders!

Und sonst, hier in Deutschland? Junge Menschen, die jetzt in die Arbeitswelt eintreten, werden statistisch gesehen im Durchschnitt elfmal den Arbeitgeber wechseln. Im Schnitt. Die Zeiten, die mein Schwiegervater zB noch erlebt hat, der eine Ausbildung im gleichen Konzern begann, in dem er als Führungskraft seine berufliche Laufbahn beendete, die sind definitiv vorbei.

Die Jüngeren wechseln fürs Gehalt, die etwas Älteren für mehr Wertschätzung, aber alle wünschen sich neue Herausforderungen

Laut einer Studie von Stepstone aus Juni 2017 zum Thema Arbeitgeberwechsel  wechseln die Deutschen derzeit im Schnitt alle 4 Jahre den Arbeitgeber, wobei sich das nach Branchen durchaus unterscheidet: Fachkräfte im Einkauf oder Vertrieb wechseln bereits nach 3,5 Jahren; Naturwissenschaftler eher alle 5 Jahre. Zitat Stepstone Studie: „Für 18- bis 25-Jährige ist allein das Gehalt Motivation genug, den Arbeitgeber zu wechseln, so die weiteren Ergebnisse der StepStone Studie. Mangelnde Wertschätzung der Arbeit beschäftigt hingegen besonders 30- bis 55-Jährige sowie 60- bis 65-Jährige. In einem sind sich alle Befragten allerdings einig: Der Hauptgrund für einen Wechsel ist der Wunsch nach einer neuen Herausforderung.“

Auf die Frage, ob zu viele Jobwechsel schlecht sind für den Lebenslauf, gibt es pauschal dabei keine Antwort. Berufsanfänger dürfen und sollten ruhig häufiger wechseln, da sie Erfahrungen sammeln wollen. Es kann durchaus gut und gesund sein, in den ersten 5 Berufsjahren 2-3 Arbeitgeber zu haben. Zitat Stepstone: „Auch ein Wechsel nach einem Jahr wird Ihnen nicht verübelt, wenn Sie eine plausible Erklärung dafür haben. Immerhin ist dies bei 15 Prozent des Fachpersonals der Fall. Vielleicht haben Sie andere Bedingungen angetroffen als Sie erwartet haben oder möchten Ihre berufliche Orientierung noch einmal korrigieren. Schwierig wird die Erklärung erst, wenn Sie zum wiederholten Mal in Folge nach nur kurzer Zeit das Unternehmen wechseln.“

Ein Lebenslauf muss nachvollziehbar sein

Es kommt also immer darauf an, dass der Lebenslauf nachvollziehbar bleibt und es eine gute Erklärung dafür gibt, warum die einzelnen Wechsel zu diesem Zeitpunkt wichtig und richtig für die berufliche Entwicklung waren.

Für eine Sache möchte ich dich aber sensibilisieren: Oft höre ich in Coachings, dass Menschen den Arbeitgeber wechseln wollen, um von einer Person, einer Firma oder anderen unangenehmen Rahmenbedingungen WEG zu kommen.  WEG VON ist immer eine ungünstige Denkrichtung. Viel wichtiger ist die Überlegung WOHIN du willst. Das „HIN ZU“, also eine positive Denkrichtung ist wegweisend und wird voraussichtlich viel mehr zu einem gelingenden Berufsleben beitragen. Denn: Das Gras ist woanders nicht unbedingt grüner. Und: Wenn ich als Person Probleme mit autoritärem Verhalten von Vorgesetzten habe, dann muss ich mich grundlegend damit beschäftigen. Den autoritären Vorgesetzten kannst du woanders wieder treffen. DEINE Probleme nimmst du immer mit. Da hilft auch ein Wechsel nicht.

WICHTIG ist: Was willst du? Wo möchtest du hin?

7 Gedanken und Tipps, wenn du einen Wechsel überlegst

Wenn du jetzt gerade an dem Punkt stehst, dass du überlegst, die Arbeitsstelle zu wechseln, dann möchte ich dir gerne folgende Gedanken an die Hand geben, die ich auf Basis meiner eigenen Erfahrung, aber auch aus Zeiten als HR-Mitarbeiterin und jetzt als Coach gesammelt habe:

  1. Überlege gut, was du willst und wer du bist!
    Unbedachte Kurzschlusshandlungen sind nicht sinnvoll. Vor allem, wenn du gerade z.B. mit deiner Führungskraft Probleme hast oder Ähnliches (s.o.). Ein Jobwechsel sollte wie oben beschrieben immer eine Bewegung im Sinne von „hin zu etwas“ sein, das zu dir passt und deine Stärken noch mehr zum Strahlen bringt. Spätestens beim nächsten Bewerbungsgespräch wird man dich ohnehin nach deiner Motivation fragen. Also nimm dir die Zeit dich zu fragen: Wer bin ich? Was will ich machen in und mit meinem Leben? Wie soll es sein? Vielleicht auch: Wovon träume ich?
  2. Suche das Gespräch!
    Es ist immer gut und hilfreich, mit Vorgesetzten, Kollegen oder Personalabteilung in Kontakt und Austausch zu bleiben. Auf diese Weise können Probleme adressiert werden und Unzufriedenheit vielleicht auch einfach so aus der Welt geschafft werden.
  3. Berate dich mit anderen!
    Familie, gute Freunde oder ein professioneller Berater können dich dabei unterstützen, eine gute Einschätzung der Situation vorzunehmen. Auf diese Weise kann vor allem eine wertvolle Fremdeinschätzung geschehen.
  4. Ist eine Weiterentwicklung auch in der bisherigen Firma möglich?
    Das gilt es in jedem Fall zu prüfen. Gerade große Unternehmen bieten oft mehr als man denkt. Ich habe zum Beispiel selber sehr oft Themen und Aufgaben gewechselt in meiner zeit als Arbeitnehmerin, aber eben ohne das Unternehmen zu verlassen. Das hat für mich sehr gut funktioniert. Solche Themenwechsel oder auch internen Bereichswechsel gehen auch oft glatter von statten als komplette Wechsel.
  5. Job-Hopping versus Kleben-Bleiben
    Egal, wofür du dich entscheidest: Der Lebenslauf zeigt mitunter bei manchen schon deutliche Tendenzen, die auch Gegenstand von Bewerbungsgesprächen werden können. Ich habe im Netz die Faustregel gefunden, nach der man zwischen 20-29 Jahren mindestens 2-3 Jahre doch im gleichen Unternehmen bleiben sollte. Trotzdem: Wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht, dann muss man nicht für den besseren Lebenslauf ausharren!
  6. Bei ca. 80% der Kunden, die ich zu beruflicher Neu-Orientierung hier im Coaching erlebe, stellst sich tatsächlich heraus, dass der momentan ausgeübte Job eigentlich schon ganz gut ist und sogar grundsätzlich richtig. Dann sind es oft eher verdeckte persönliche Probleme oder grundsätzliche Themen, die gelöst werden wollen.
  7. Dein Ziel sollte immer eine möglichst hohe Lebensqualität und Zufriedenheit sein! Das kann für den einzelnen sehr verschieden in der Ausgestaltung sein. Hier lohnt sich tatsächlich oft die Investition in ein Coaching, da man gerade auf tieferliegende Motive selten alleine kommt.

Den 100% Job gibt es nicht, aber man kann ihm verdammt nahe kommen!

Jürgen Hesse, einer der Mitautoren des bekannten Ratgebers zum Thema Bewerbungen, wird damit zitiert, dass es einen Arbeitsplatz, bei dem alles rund läuft, nicht gibt. Die 100% kannst du also wahrscheinlich nie erreichen. Auch der ultimative Traumjob ist nicht immer pure Freude. Aber du kannst versuchen, dir davon so viel wie möglich in dein Leben zu holen.

Wie du das machst? Da sind deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt! Wirklich! Es gibt immer einen Weg.

“Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.” – Franz Kafka

 

Zum Weiterlesen im Netz:

 

Buchtipps:

  • Durchstarten zum Traumjob: Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger (Richard Nelson Bolles) – Der Klassiker zum Selber-Durcharbeiten. Viel Drin, auch viel zum Nachdenken, braucht vielleicht manchmal etwas Begleitung.
  • Finde den Job, der dich glücklich macht: Von der Berufung zum Beruf (Angelika Gulder) – Finde ich sehr gelungen, sehr praxisnah und gut verständlich. In Deutschland echt aus meiner Sicht eines der besten Bücher zum Thema!
  • Rock your life (Rudolf Schenker mit Lars Amend) – Die Biografie des Gründer und Gitarristen der Scorpions beschreibt ein Leben gegen alle Widerstände und für die Leidenschaft zur Musik. Ein Stück Musikgeschichte und wirklich beeindruckend.
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