Die Auswahl eines Berufes – (k)eine Entscheidung für’s Leben?

24. May, 2018

„Sagen Sie doch mal meiner Tochter, was sie werden soll!“

Berufswahl und die Qual der Wahl – Was soll ich nur werden?

– Die Mutter schaute uns hilfesuchend an, die Tochter stand verlegen lächelnd daneben. Das war ein O-Ton von einer BerufsOrientierungsBörse hier in Langenfeld in der vergangenen Woche. Irgendwie fand ich die Situation einerseits absolut nachvollziehbar, andererseits aber auch erschreckend. Denn ehrlich gesagt: Wie soll man als Fremder jemand anderem auf den Kopf zusagen können, welcher Beruf für einen der Richtige sein könnte?

Und: Ein junger Erwachsene/ Jugendlicher im Alter von 15/16 Jahren darf durchaus selber schon Verantwortung für die eigene Berufswahl übernehmen. Er muss sogar, vor allem selber den Antrieb entwickeln. Wie viel Elternbegleitung ist da gut? Aus Elternsicht konnte ich der Mutter Ihre Verzweiflung anhören und verstand Sie sehr gut. Alle Eltern wollen ja, dass es ihren Kindern gut geht, dass sie glücklich und zufrieden ihr Leben leben können. Die Berufswahl ist da tatsächlich richtig und wichtig! Aber wie findet man denn den richtigen Beruf oder den richtigen Ausbildungsweg? Was ist überhaupt “richtig”?

Die Situation heute ist für Schüler alles andere als einfach: Mittlerweile gibt es mehrere Tausend Berufsbilder, unzählige Studiengänge in unterschiedlichsten Schattierungen. Wer heute einen Berufsweg startet, der hat die Qual der Wahl. Gar keine Frage! Wirtschaftlich gesehen geht es uns so gut, dass wir diese Freiheit tatsächlich auch haben und ausloten können. Noch vor 1-2 Generationen gab es eine Handvoll Berufsbilder, die man kannte. Oder man schlug direkt den gleichen Weg ein wie die Eltern, vielleicht sogar, weil es einen Handwerksbetrieb oder eine Praxis/ ein Unternehmen gab, was übernommen werden wollte. Kinder sind dann oft selbstverständlich dort hineingegangen. Ob immer zu ihrer Lebenszufriedenheit, das sei mal dahingestellt.

Mehr Auswahl an Berufen erleichtert nicht die Entscheidung, im Gegenteil!

ABER: Die Auswahlmöglichkeit war reduzierter. Und tatsächlich – und das ist wissenschaftlich im sogenannten „Marmeladenexperiment“ bewiesen – mehr Auswahl erleichtert keineswegs die Entscheidung. Sogar das Entgegengesetzte ist der Fall: Entscheidungen werden schwerer getroffen und die anschließende Unzufriedenheit ist größer, denn vielleicht wäre man mit der anderen Wahl besser gefahren? In dem erwähnten Experiment wurden in einem Supermarkt Probierstände für Marmeladensorten aufgebaut, verbunden mit der Möglichkeit, die probierte Marmelade anschließend auch zu erwerben. Das Ergebnis war ganz eindeutig: Wenn weniger Sorten angeboten wurden, dann entschieden die Leute schneller, kauften mehr von der entsprechenden Marmelade und zeigten sich hinterher bei einer kurzen Befragung auch deutlich zufriedener mit dem Kauf. Daher mein erster Tipp für alle die auf der Suche sind:

TIPP 1: Gut informieren ist wichtig, aber nicht zu viele Alternativen zusammentragen, zwischen denen du dich entscheiden möchtest. Faustregel aus meiner Sicht: mehr als 2 aber weniger als 5. Alles andere macht nur verrückt und ist nicht zielführend.

Darüber hinaus birgt diese große Freiheit aus meiner Sicht eine weitere Gefahr für einen großen Denkfehler bzw. für einen immensen Druck: Social Media und die Gesellschaft senden meiner Meinung nach permanent die Botschaft aus, dass jeder sein Glück in der Hand hat, dass es nur auf das richtige Selbstmanagement und auf die richtigen Entscheidungen ankommt. Folglich hängt aber auch die Botschaft dahinter: „Du bist schuld, wenn es daneben geht!“ Und für Fehlschläge scheint mir in unserer Gesellschaft auch wenig Platz zu sein. Niederlagen oder vielleicht sogar Umwege werden ungerne gesehen. Am besten auf direktem Weg zum Erfolg! Also bleibt für viele der Eindruck übrig, dass man nur einmal die freie Entscheidung hat, und dieser Schuss MUSS dann sitzen.

Berufswahl ist keine Entscheidung für das ganze Leben (mehr)!

Vielleicht hilft es da zu wissen, dass diejenigen, die heute in die Arbeitswelt starten, im Schnitt 11 Mal Ihren Arbeitgeber wechseln werden. Im Durchschnitt! Das heißt, dass es ein Berufsleben wie das unserer Eltern so gar nicht mehr geben wird, dass der Berufsanfänger sich für einen Beruf entscheidet und dann sein Leben lang dabei bleibt/ bleiben muss. Eher das Gegenteil wird der Fall sein. Daraus ergibt sich folglich, dass es eben mehr als einmal die Möglichkeit zur Entscheidung gibt und geben wird. Das Leben kann man nicht vorhersehen. Schicksalsschläge erst recht nicht. Es werden sich immer wieder Möglichkeiten ergeben und neue Türen aufgehen. Das ist dann auch mein zweiter Tipp:

TIPP 2: Mach dir selber nicht den Druck, dass du dich nur jetzt entscheiden kannst. Es ist eben keine Entscheidung für das gesamte Leben!

Wir sollen und können diese Freiheit im Idealfall allerdings wirklich nutzen, um einen Beruf zu wählen oder uns für einen Studiengang entscheiden, der unseren Neigungen und Potenzialen am nächsten kommt. Das muss nicht perfekt sein, aber es sollte in die richtige Richtung gehen (siehe oben). Genau hier wird es aber für viele auch schwierig, weil sie sich fragen „was kann ich denn überhaupt?“

Dazu möchte ich gerne folgende Impulse geben, die ich im Coaching immer wieder einsetze und mit denen ich meist in kurzer Zeit gute Ergebnisse erzielen kann, wenn die berufliche Orientierung unterstützt werden soll:

Impuls 1 – Kindheit und Hobbies: Deine Flow-Themen liefern dir Hinweise

Was hast du gerne in deiner Kindheit gemacht? Was waren deine Lieblingsspiele? Woran hast du richtig viel Spaß gehabt? Was hast du jetzt für Hobbies? Wie verbringst du am liebsten deine Freizeit?

Ein Beispiel aus einem aktuellen Coaching: Die junge Frau berichtet, dass sie unheimlich gerne Tierarzt gespielt hat und ihre Stofftiere alle verarztet hat, verbunden, Fieber gemessen etc.. Das hat sie lange gemacht. Was kann man daraus ablesen? Zumindest mal, dass es ein medizinnaher, heilender Beruf sein könnte, der für sie interessant ist. Das muss deswegen nicht unbedingt ein Medizin- oder Tiermedizinstudium sein, sondern vielleicht auch ein Ausbildungsgang, der in diese Richtung geht. Zweite Information in dieser Aussage: Es geht nicht um „etwas Schreiben im Büro“ sondern es geht um „Hand anlegen/ praktisch was tun mit anderen Lebewesen“. Aus dieser kurzen Aussage kann man also relativ viel herausholen. Eine Ausbildung als Versicherungskauffrau oder Studium Finance Controlling käme für sie wohl weniger in Frage.

Impuls 2 – Welche Berufe gibt es in der Familie (Eltern und andere Verwandte)?

Da wird es den ein oder anderen geben, der mit deinem Beruf glücklich ist, und du erfährst aus erster Hand, was in dem Beruf tatsächlich gelebt passiert. Aufgrund der verwandten Genetik könnten gleiche Neigungen zugrunde liegen. Das muss dann nicht zwingend zum exakt gleichen Beruf führen, kann aber eine Richtung liefern.

Ein Beispiel von mir selber: meine Eltern sind Lehrer. Die Empfehlung meiner Mutter war natürlich, dass ich auch Lehrerin werde. Ging damals gar nicht. Fakt ist, dass ich heute mit meinen Trainings und manchem Coaching-Element wieder lehrend unterwegs bin, wenn auch anders als im klassischen Lehrer-Beruf. Aber die Nähe ist gegeben! Der Apfel fällt halt doch nicht weit vom Stamm.

Impuls 3 – Wie regional/ International siehst du dich leben und arbeiten?

Das ist eine Frage, die man im Laufe des Lebens sicher verschieden beantworten wird. Und ja: Eine Auslandserfahrung ist in globalen Zeiten wie heute immer wichtig. Aber auch ein Studium in Bayern kann gewissen Effekte in diese Richtung haben, wenn du aus Hamburg kommst. Magst du Fremdsprachen? Willst du mal so richtig von zuhause raus? Du wirst wahrscheinlich sehr spontan hierauf eine Antwort haben. Ganz wichtig: Hör dabei auf deinen Bauch! Womit fühlst du dich wohl? Hier ist das innere Kind gefragt…was würde dir Spaß machen und womit fühlst du dich sicherer? Wenn deine Antwort heißt „lokal“, dann hilft auch das, deine Suche auf weniger Alternativen einzugrenzen. In einem Coaching-Fall hieß die Antwort, dass die Person weiter zuhause bleiben möchte, um sich um die kranke Mutter mit kümmern zu können. Die Lösung war dann, sich das Angebot der lokalen Unis in einem gewissen Radius anzuschauen. Das ist sicherlich keine Lösung für jeden, aber es hilft.

Impuls 4: Wie stellst du dir dein Leben vor? Welchen Lebensstandard möchtest du haben? Was ist dann wichtig?

Für diesen Impuls habe ich logischerweise schon begeistertes Elternfeedback bekommen. Aber ja, sorry, ist nicht ganz unwichtig. Damit meine ich ganz konkret einen sehr harten, auch monetär bezogenen Realitätscheck, der nicht unbedingt nur Spaß macht. Leider habe ich immer häufiger feststellen müssen, dass viele angehende Studenten keine Vorstellungen davon haben, was ein Leben kostet. Was bedeutet es, irgendwann Eigentum haben zu wollen. Was heißt das in €€, wenn ich das neueste Handy haben will oder zweimal im Jahr in Urlaub fahren will? Im Coaching spinne ich mit den Schülern oder Studenten an einem Lebensbild herum… wo siehst du dich? Sind da Kinder? Wie lebst du… Manchmal kann das auch von einer kleinen Hypnose unterstützt werden, wenn so gar keine Ideen kommen. Und auch hieraus lassen sich unter Umständen Dinge ableiten für die Wahl des Berufes. Kann, muss nicht. In meiner Welt kommt die Begeisterung für einen Beruf VOR der Feststellung darüber, was im Schnitt dabei verdient werden kann. Dies vor allem deswegen, weil ich immer wieder festgestellt habe, dass Begeisterung erfolgreich macht. Für mich ist die Überlegung auch deswegen spannend, weil es den Blick weitermacht auf die gesamte Lebensgestaltung. Spannend dabei: Wie werden sich unsere Berufsbilder entwickeln, wenn irgendwann das bedingungslose Grundeinkommen kommt? Es gibt unter anderem deswegen so wenige männliche Erzieher und Grundschullehrer, weil die Bezahlung aktuell zu schlecht ist, um damit eine Familie gut zu ernähren. Mit Blick in die Zukunft könnte es also sein, dass dieser Aspekt an Bedeutung verliert.

So, wenn du jetzt 3 oder 4 verschiedene Berufs- oder Studienmöglichkeiten für dich entdeckt hast, dann musst du dich entscheiden. Denn nur dem Gehenden legt sich der Weg zu Füßen (Konfuzius).

Es ist besser mit einer 80%igen Lösung los zugehen als auf der Suche nach den 100% stecken zu bleiben. Dazu gehören dann Mut und loslassen gleichermaßen. Und dazu werde ich was in meinem nächsten Post schreiben, der in 8 Tagen kommt.

Was sind denn Ihre/ Eure Erfahrungen mit dem Thema? Ich freue mich über Kommentare und Mails an kontakt(a)juliapeters.info.

Mehr Information:

  • Entscheidungen mit einer Münze, aber anders als du denkst! – Youtube Video von Julia Peters
  • Die BerufsOrientierungsBörse in Langenfeld – Webseite

 

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