Ein Leuchtturm sein in stürmischen Zeiten – Selbstmarketing 2.0

13. Jul, 2018

“Noorderhoofd” Leuchtturm in Westkapelle

„Eigentlich habe ich zwei Gesichter bzw. es gibt zwei Varianten von mir – eine berufliche und eine private.“ Der Coachee, Führungskraft im mittleren Alter, saß nachdenklich vor mir. Auslöser für das Coaching war gewesen, dass er sich über sein berufliches Profil Gedanken machen wollte, auch um den nächsten Karriereschritt anzugehen. „Die wissen doch alle gar nicht, wer ich eigentlich bin!“ Muss das so sein? Und: Wenn ich eine zukunftsträchtige Entwicklung meiner Karriere anstrebe, sollte ich mir nicht auch jetzt schon Gedanken darum machen, was ich in zukünftigen Arbeitswelten (Stichworte Digitalisierung und agile Organisationsformen) machen möchte? Könnte es vielleicht gerade dann wichtig sein, dass auch andere wissen, wer ich bin und wofür ich brenne? 

Im Rahmen des Coachings waren wir auch auf die Stärken des Coachees zu sprechen gekommen und wie er sich selbst sieht bzw. teilweise zurückgemeldet bekommt, wie andere ihn sehen. Jetzt im Gespräch stellte sich heraus, dass er eigentlich unsicher war, wie er überhaupt ankommt. Er wusste gar nicht so genau als was ihn die anderen ansehen bzw. in welche Schublade er vielleicht auf der Arbeit gesteckt wird. Meine Rückfrage, wie er denn diese verschiedenen Varianten erleben würde, zeigten zwei sehr entgegengesetzte Persönlichkeitsentwürfe: Privat sehr aufgeschlossen, vielseitig interessiert, begeisterter Papa und Familienmensch, auch sehr warm in seiner Beziehungspflege; beruflich sehr kontrolliert und diszipliniert, oft auch mit einer großen Selbstbeherrschung. Er habe oft eine Maske auf. Und vor allem habe er auch zur Zeit nur wenig Freude an dem was er tut. Der wohl größte Unterschied zu seinem privaten Ich und auch der, unter dem er am meisten litt. Er hatte das Gefühl, dass er beruflich unter seinen Möglichkeiten blieb und viel Spannendes an ihm vorbeizog. Dabei war gerade richtig viel los in der Firma, viele Möglichkeiten und Projekte, eine Umbruchssituation. Wo sollte es also hingehen und wie sich dafür ins Gespräch bringen?

Die Zukunft der Arbeit – Bildung macht einen Unterschied

Ganz unabhängig von diesem Fall: Wenn man sich mir der Zukunft der Arbeit beschäftigt, dann liest sich das aufregend und erschreckend zugleich. Aufregend sind vor allem die Möglichkeiten und Chancen, die sich uns, sowohl dem einzelnen wie auch der Gesellschaft, dadurch bieten. Bei der Digitalisierung geht es nicht nur um Technik, sondern vor allem wird es wichtig sein, die Menschen mitzunehmen auf diesem Weg. Viele Tätigkeiten werden voraussichtlich durch Maschinen und Rechenoperationen ersetzt – im Grunde genommen das, was vor allem auf körperlicher oder auch standardisierbarer Wissensarbeit beruht. Je geringer die Ausbildungsstufe eines Menschen ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, den Job zu verlieren. Bildung und Weiterbildung werden also wichtig sein. Erste Frage: In was will ich mich denn weiterbilden?

Digitalisierung bringt viel Flexibilität, aber auch Unsicherheit

Die Arbeit als solche wird insgesamt flexibler sein, in vielen Fällen nicht mehr an ein bestimmtes Büro oder an feste Arbeitszeiten gekoppelt. Diese Flexibilität verlangt ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit von Menschen. Lose Strukturen und wechselnde Kooperationspartner sorgen immer wieder für neue Trennungen von Beziehungen. Genauso müssen wir in der Lage sein, schnell wieder neue Beziehungen aufbauen zu können. Arbeiten in der Zukunft setzt voraus, dass wir deutlich besser werden müssen im Beziehungsmanagement und im Selbstmanagement. Themen werden teilweise nur kurzfristig aufgegriffen und schneller wieder aufgegeben, wenn sich zeigt, dass sie nicht zielführend sind. Ich muss in der Lage sein, mir ein mögliches Scheitern einzugestehen und auch Frieden damit schließen, dass nichts Bestand hat.

Auf diesen generellen Betrachtungen aufbauend gelange ich zu einem zweiten Set von Fragen (das die erste Frage im Grunde genommen mit einbezieht):

  • Wer bin ich eigentlich? Was steckt in mir, was sind meine Stärken, was kann ich anderen anbieten und welche Themen interessieren mich?
  • Wer ist der andere?
  • Wie finde ich das heraus?
  • Wie kann ich aktiv dazu beitragen, dass wir schnell eine gute Arbeitsbeziehung etabliert bekommen?
  • Wenn um mich herum so Vieles scheinbar unsicher wird dadurch, dass es in ständiger Bewegung erlebt wird, woher nehme ich dann meine innere Sicherheit?

Und für Führungskräfte: Wie biete ich nach außen anderen Sicherheit, wenn ich z.B. als Führungskraft ein Team oder einen größeren Bereich begleite.
Ich schreibe hierbei bewusst „begleite“, denn die Zeiten des „great man“ in dem Sinne, dass von oben Anweisungen kommen, die unten ausgearbeitet und umgesetzt werden, diese Zeiten werden langsam vorbeigehen. Sowieso eine echte Herausforderung für jeden, der gerne alles unter Kontrolle hat. Denn: Kontrollbedürfnis entsteht oft aus dem Bedürfnis nach Sicherheit, dass mir nichts geschehen soll. Wenn ich das so nicht mehr zur Verfügung habe, wie sichere ich mich ab? Was mache ich mit der Angst vor Unsicherheit, die letztendlich auch ein Relikt aus alten Zeiten ist, als es täglich um das nackte Überleben ging.

Selbstführung und Führung von anderen brauchen einen neuen Ansatz.

Beziehungsmanagement wird viel relevanter werden als es bislang war. Und hier kommt aus meiner Sicht das Selbstmarketing ins Spiel. Aber: Kein Selbstmarketing, bei dem es darum geht, sich und seine Themen ohne Rücksicht auf Verluste in den Fokus zu rücken. Das wird ohnehin von vielen als sehr aufdringlich und aufgesetzt empfunden. Und gerade Frauen tun sich vielfach sehr schwer mit dieser „technischen“ Variante. Nein! Mir geht es um ein neues Verständnis von Selbstmarketing; ein Selbstmarketing 2.0, das in diese neue Arbeitswelt hineinpasst und ihr sogar zuarbeitet bzw. im Beziehungsmanagement viel erleichtern könnte.

Selbstmarketing 2.0 – Zunächst Sicherheit im Innen gewinnen und ausbauen

Selbstmarketing 2.0 beruht im ersten Schritt auf einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, den ureigenen Stärken und Besonderheiten, Vorlieben und Leidenschaften, die mich ganz persönlich ausmachen. Ich identifiziere sozusagen meine persönlichen „Produkteigenschaften“. Diese sind so einzigartig in der Kombination wie unsere Genetik einzigartig ist. Im evolutionären Prinzip könnte man das als einen Versuch der Natur sehen, eine Idee durch den Einzelnen in die Welt zu bringen, und zu sehen, was er daraus macht.

Bei diesem Findungsprozess ist es auch sinnvoll, die eigenen Restriktionen bzw. Ressourcen aufmerksam zu sehen und auf dieser Basis zu überlegen, wie weit man gehen möchte. Wofür möchte man sich in der Organisation einbringen?

Wenn ich diese ureigene Besonderheit sehe, würdige und anfange zu leben, dann wird der Selbstwert gestärkt. Der Mensch erlebt sich im Innen sicherer und ist dadurch geschützter vor Einflüssen von außen. Beispiele: Wenn ich meinen Wert kenne, dann kann ich ein nicht erfolgreiches Thema leichter loslassen oder ein Scheitern eines Projektes aushalten. Ich werde es mir nicht persönlich “anziehen” und mich deswegen schlecht fühlen. Oder ein anderes Beispiel: Ich kann auch eine Jobveränderung leichter annehmen und mich neu ausrichten, auf das, was ich machen will und was möglich ist.

Ich werde also zu einer Art Leuchtturm für mich selbst. Ich schaffe mir in meinem Inneren meinen persönlichen „Fels in der Brandung“ samt eingebautem Orientierungslicht, das mich in stürmischen Zeiten leiten kann.

Selbstmarketing 2.0 – Meine Themen können besser Gehör finden, wenn ich als Person auch klar wirke

Wir werden vorübergehend etwas akademischer… Im Buch „Das kollegial geführte Unternehmen“ von Bernd Oestreich und Claudia Schröder wird beschrieben, wie ein System kollegialer Führung funktionieren kann.
Dabei sind folgende Aspekte spannend: Erst durch die Kommunikation der Menschen untereinander entstehen die sozialen Systeme, mit denen die Agilität leben kann. Dabei gibt es zwei wichtige Bereiche in diesen Kommunikationsströmen.

1.) „Innere Werte, Denkmodelle und Überzeugungen von Mitgliedern werden für das soziale System erst mit ihrer Kommunikation relevant.“ Heißt: Erst wenn ich mich und mein Wertesystem erkläre und Stellung beziehe, dann werden diese  Aspekte für die Gruppe wichtig. Ob also eine Zusammenarbeit mit anderen sinnhaft oder nicht ist, das habe ich mit in der Hand. Dafür muss ich aber wissen, was für mich wichtig ist.

2.) „Nur was im sozialen System Aufmerksamkeit erlangt, wird relevant.“ Heißt: Wenn ich ein Thema plazieren will oder ein bestimmtes Projekt für wichtig erachte, dann muss ich für ausreichend Aufmerksamkeit sorgen. Ich muss häufig und gut genug darüber reden. Ob ich gehört werde, das hängt wiederum auch von mir ab (siehe 1.)

Letzten Endes lohnt es sich also sehr, die gewonnenen Erkenntnisse aus dem ersten Schritt auch gezielt nach außen zu tragen und immer wieder Position zu beziehen: Für das, was ich für richtig halte und was ich nach vorne bringen will. Die Persönlichkeit fungiert an der Stelle wie ein Träger für das Thema. Meine Glaubwürdigkeit, Einsatzfreude oder mein Expertenwissen, was auch immer kennzeichnend für mich ist… das ist der Träger dafür, wie das eigentliche Thema aufgenommen wird und ob es überhaupt aufgenommen wird von der Gruppe. Dann darf Selbstmarketing auch beinhalten, dass ich mich leidenschaftlich für meine Themen und Projekte einsetze oder wie eine obere Führungskraft in einem Großkonzern mal sagte: Selbstmarketing ist unwichtig, auf die Themen kommt es an! Stimmt, und gleichzeitig gehören die Themen originär zu mir und meiner Botschaft dazu!

Über die Inhalte meiner Botschaften trage ich also dazu bei, wie ich wahrgenommen werde. Umgekehrtg unterstreiche ich die Inhalte durch meine Wirkung. Wenn das konsistent ist, dann wissen Menschen oft sehr schnell, woran sie mit mir sind, und werden auf der Basis leichter und schneller mit mir arbeiten bzw. meine Inhalte annehmen. Diese Klarheit sorgt für Sicherheit in der Interaktion und trägt damit bei zu einem Wohlgefühl.

Selbstmarketing 2.0 – Als Führungskraft Leuchtturm für andere sein

Ein Leuchtturm ist eine deutliche Landmarke, die der Seefahrt auch bei Nacht und schlechten Wetterbedingungen Orientierung gibt. Wenn ich in digitalen Zeiten in einem stark veränderlichen Umfeld arbeite und dort als Führungskraft Menschen begleite, dann ist es für alle anderen sehr hilfreich, wenn sie mich gut einschätzen können und wissen, woran sie sind. Eine klare Personenmarke und eine deutliche Positionierung bieten Mitarbeitern im Zweifelsfall immer eine gute Orientierung: Vor allem dann, wenn Aspekte wie Verlässlichkeit oder Integrität Bestandteil darin enthalten sind. Frei nach dem Motto „Hier ist ja ganz schön viel los, aber auf den XY kann man sich wenigstens verlassen. Wenn er/ sie das anfasst, dann wir das schon gut werden.“ An dieser Stelle wird Vertrauen entstehen und so ebenfalls die Kommunikationsprozesse unterstützen bzw. die Führungskraft ihrerseits entlasten: Ich brauche nicht mehr so viel zu kontrollieren, was ich Ohnehin immer weniger leisten kann. Beim Delegieren kann ich eher loslassen, denn ich weiß, was ich zu erwarten habe und die anderen wissen das auch von mir. Führung bedeutet in Zukunft auch immer mehr, eher als Coach zu begleiten und Potenziale zu entwickeln als immer selber alles in der Hand zu haben. Auch dadurch kann die Führungskraft zum Ankerpunkt für den Mitarbeiter werden – ruhig im Hintergrund, immer wieder Licht ins Dunkel bringen (um im Beispiel des Leuchtturms zu bleiben).

Selbstmarketing 2.0 – Keine Selbstbeweihräucherung, sondern ehrliche Beziehungsgestaltung & mehr Motivation durch mehr Herzensthemen

Fazit: Der Begriff Selbstmarketing hat für viele einen Beigeschmack von Selbstbeweihräucherung und „sich verkaufen“. Tatsächlich glaube ich, dass es in der besten Absicht sehr hilfreich und nützlich sein kann. Die neuen Arbeitswelten laden dazu ein, sich mit dem Thema und all seinen Entwicklungsstufen gezielt auseinanderzusetzen.
In der Wirtschaft werden jahrelang Marken aufgebaut, weil sie Vertrauen schaffen sollen und einen Kaufprozess erleichtern sollen. Als Personenmarke kann ich mein Beziehungsmanagement mit anderen auf diesem Weg verbessern. Ich kann ebenfalls Vertrauen aufbauen und ich kann dabei viel Sicherheit für mich und für andere entwickeln, die letztlich einer guten Zusammenarbeit zu Gute kommt.

Damit ist vielleicht eine neue Form von Selbstmarketing geboren, die nicht von Angst und Dominanzverhalten getrieben wird, sondern die positiv, wertschätzend und ressourcenorientiert den Einzelnen und das System tragen kann.

Ein Selbstmarketing 2.0 eben.

Und die Führungskraft aus meinem Coachingfall oben? Wir haben Schritt für Schritt herausgearbeitet, wie er sein „inneres Kind“ in den Beruf integrieren kann und auf welchen Wegen er sich dort mehr Freude an seinen Inhalten organisieren kann. Außerdem hat er sich eine Shortlist erarbeitet, welche fachlichen Themen für ihn in Zukunft wichtig sein sollen und welche Weiterbildung er noch machen möchte. Einige Zeit danach hatte er Gelegenheit, diese Form der Eigeninitiative auch zu zeigen und erlebte direkt Zuspruch. Er sei so locker geworden, hieß es unter anderem. Und man können jetzt endlich mit ihm richtig reden, als Chef. Über dieses Kompliment hat er sich sehr gefreut. Die Teamentwicklung danach verlief ebenfalls sehr positiv. Vor allem war er sehr überrascht, dass sein echtes Ich doch so gut ankam bei anderen.*

 

Zitat: Wir sollten durch unser Leben die Erde zum Himmel machen.

– Johannes Chrisostomos

 

Weiterlesen im Blog:

Warum es gut ist, die eigenen Stärken zu kennen und darüber zu reden

Dornröschen ist OUT

Keine falsche Scham – Selbstmarketing dürfen auch Frauen

 

*Hinweis: Dieser Coachingfall ist wie alle meine berichteten Fälle verfremdet und lediglich durch einen echten Fall inspiriert, da ich die Privatsphäre meiner Klienten unbedingt schützen möchte und niemand Angst haben soll, dass ich über ihn oder über sie bei nächster Gelegenheit schreibe.

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