Muttitasking/ Multitasking - Möglichkeit oder Mythos?

24. Mar, 2018

busy business woman multitasking in the office with ten arms

10 Arme sind manchmal nicht genug!

Ja, ich habe mich verschrieben. Und ja, natürlich war das Absicht! “Muttitasking” ist die übergroße Schwester vom Multitasking. Und beide gehören in die Welt der Mythen und sagenhaften Erzählungen!

Wer kennt das nicht? E-Mail schreiben, schnell einen Anruf beantworten, am besten während des Telefonates noch weiterschreiben (wobei ich ja finde, dass man das hören kann – die Leute reagieren komisch bei ihren Antworten…); dann fällt einem die Einkaufsliste für gleich ein. Kurz googlen, wo nochmal dieses eine Geschäft war, die gerade die Kinderschuhe reduziert haben. Telefonieren beim Autofahren, beim Bügeln und Wäsche zusammenlegen. Rechts kochen und das zugehörige Rezept lesen, links das quengelige Kind, das unbedingt etwas will. Ja, Chef, ich komme gleich! Unterwegs noch einen Kaffee ziehen und dabei die Telefonnummer im Handy suchen…

Mit wird schon blümerant beim Schreiben!

Wir machen unglaublich viel in sehr kurzen Abständen hintereinander, und nicht wenige von uns sind sehr trainiert im vermeintlichen Multitasking. Multitasking – auch neudeutsch die Mehrfachaufgabenperformanz beim Menschen – beschreibt eigentlich die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Rechenoperationen scheinbar gleichzeitig laufen zu lassen. Tatsächlich ist das aber auch für den Rechner eine sehr schnelle Abfolge von abwechselnder Rechenleistung auf verschiedenen Prozessen, so dass der Eindruck einer Gleichzeitigkeit entsteht. Richtig parallel läuft bei dem Computer nichts. Erst wenn er mehrere CPU (Central Processing Unit)-Kerne hat, dann ist ein echtes Multiprocessing, also die echt-gleichzeitige Ausführung mehrerer Aufgaben möglich.

Bei uns Menschen geht das so nicht, da wir eben nicht mehrere dieser CPU-Kerne haben – wir haben ein Gehirn. Das ist zwar sowas wie ein Supercomputer. Aber doch anders.

Multitasking bei Menschen ist ein echter Mythos.

Manche Menschen wirken, als ob sie Multitasking könnten. Tatsächlich sind sie vor allem darin trainiert, sehr schnell ihre Aufmerksamkeit zwischen einzelnen Aufgaben springen zu lassen.

Fakt ist, dass dieser schnelle Aufgabenwechsel für das Gehirn sehr anstrengend ist. Die Aufmerksamkeitsressourcen, so schreibt das Netz, müssen dafür geteilt werden. Und das geht nicht ohne Verluste!

Mehr Fehler, mehr Risiko, Unfallgefahr und mehr Stress – ist es das wert?

Wikipedia schreibt zum psychologischen Multitasking unter Grenzen und Gefahren Folgendes: „die Mehrfachaufgabenperformanz stellt somit hohe Anforderungen an unsere Aufmerksamkeits- und Verarbeitungsprozesse. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die Effizienz beim Bearbeiten verschiedener Aufgaben abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten im Vergleich zur seriellen Bearbeitung sinkt und somit mit Fehlern, einem erhöhten Unfallrisiko und einer Minderung der Leistung in Verbindung gebracht werden kann. So zeigte eine Laborstudie, in denen Personen in einem Fahrsimulator die Bremse betätigen sollten, dass die parallele Kommunikation über ein Handy die Leistungsfähigkeit beeinflusste. Die Probanden übersahen in der Einzelaufgabe (Bremsen bei roter Ampel) lediglich 3 % der roten Ampeln, während sie bei der Mehrfachaufgabe (Telefongespräch, Bremsen bei roter Ampel) bereits 7 % der roten Ampeln übersahen und sich die Reaktionsgeschwindigkeit zum Betätigen des Bremspedals um 50ms verringerte. Dies zeigt also die Grenzen der gleichzeitigen Informationsverarbeitung angesichts der Reizüberflutung unserer Umwelt.

Das Gehirn filtert Informationen automatisch auf eine vom Menschen wahrnehmbare Menge.

So kann bei einem Telefongespräch im Auto der Sehsinn auf den sogenannten „Tunnelblick“ reduziert werden, diese Einschränkung kann sogar nach dem Telefonieren noch für einige Minuten bestehen bleiben. Neben der verringerten Reaktionsfähigkeit kann auch Stress eine Folge sein.“

Sicherlich: Es kommt auch sehr darauf an, ob ich in den Aufgaben geübt bin. Ein erfahrener Call-Center-Agent lebt davon, einerseits ein gutes Kundengespräch zu führen und andererseits die einzelnen Masken seiner Software zu bedienen. Diese Arbeit ist darauf angelegt. Und noch etwas: Je komplexer die Aufgabenstellung ist, desto schwieriger wird es, etwas anderes parallel zu tun.

„Muttitasking“ ist aus meiner Sicht die große Schwester des Multitasking.

Denn Mutti erbringt die Mehraufgabenperformanz nicht nur berufsbezogen, sondern sogar interdisziplinär, notfalls 20h am Tag. Non-stop und nicht nur für den Moment. Manch eine stillt das Baby und schläft gleichzeitig wieder ein – sogar im Schlaf sind viele Mütter multiperformant. So scheint es.

Von Männern hört frau dann oft, dass Frauen das eben einfach könnten und Männer nicht. Eine manchmal etwas magere Entschuldigung. Gleichzeitig aber auch ein sehr guter Weg der Abgrenzung, um ja nicht in die Versuchung zu kommen, ähnliche Dinge leisten zu müssen. Es gibt nachgewiesen keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, was diese scheinbare Multiperformanz betrifft. Vielleicht bin ich jetzt ein bißchen polemisch. Gleichzeitig möchte ich gerade den Frauen an’s Herz legen, dass sie nicht das Unmögliche möglich machen müssen. Denn: Mutti- und Multitasking stressen jeden der es versucht, enorm.

Multitasking ist das Gegenteil von Achtsamkeit.

Es ist auch das Gegenteil von Achtsamkeit, da das ständige Springen zwischen Aufgaben dazu führt, dass man nie mit den Gedanken im Hier und Jetzt ist, sondern immer schon bei der nächsten Aufgabe.

Der chinesische Philosoph  Byung-Chul Han kommt in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ zu einem sehr harten und negativen Urteil: „Die Zeit- und Aufmerksamkeitstechnik Multitasking stellt keinen zivilisatorischen Fortschritt dar.“ Wirklich wegweisende Betrachtungen in Philosophie, Forschung und Entwicklung würden tatsächlich eine uneingeschränkte Konzentration verlangen.

Und jetzt?

In meinen Coachings kommen wir immer wieder an den Punkt, dass eine andere, neue Verhaltensweise definiert werden muss. Und wenn der Coachee feststellt, dass es seiner Belastbarkeit und auch der Qualität seines Arbeitsergebnisses zuträglich ist, wenn er oder sie sich voll auf eine Aufgabe konzentriert, dann tauchen schnell folgende Bedenken auf:

  • Das lässt meine Arbeit nicht zu!
  • Dann schaffe ich nicht mehr so viel!
  • Der Chef/ Vorgesetzte erwartet das aber!
  • Andere können das doch auch! Wieso ich nicht? (Abwertung der eigenen scheinends mangelnden Leistungsfähigkeit)

Oft steckt dann dahinter ein sehr hoher Eigenanspruch verbunden mit einem stark ausgeprägten Leistungsmotiv. Diese Menschen spüren sich erst richtig, „wenn es kracht“ und sie sich in der Leistung förmlich überschlagen müssen. Erst dann entsteht in der eigenen Wahrnehmung das Gefühl von „richtig gearbeitet zu haben“. Erst dann sind sie in Ihren eigenen Augen GUT GENUG. Und erst dann sind sie für sich auch wertvoll. Der Selbstwert wird in Abhängigkeit von der Arbeitsleistung definiert. Schnelligkeit und Leidensfähigkeit gehen dann Hand in Hand. Manch einer blüht in solchen Szenarien sogar erstmal noch auf. Langfristig ist das für viele zu anstrengend. Und vor allem: Was ist, wenn die Leistung so nicht erbracht werden kann, wenn man sich z.B. eine Hand verletzt hat oder Ähnliches?

Es braucht tatsächlich Mut, sich auf eine Sache voll und ganz zu konzentrieren.

Die Coachees, die es wagen, berichten erstaunliche Dinge: sehr gute Arbeitsleistungen, Flow-Momente, große Befriedigung und nicht selten auch Anerkennung von außen.

Wir glauben tatsächlich, dass wir effektiver sind, wenn wir alles gleichzeitig erledigen. Das Gegenteil ist der Fall. Selbst Notärzte und Rettungshelfer arbeiten ruhig und konzentriert eins nach dem anderen ab.

Was ist wichtig? Was ist dringend? Eine klare Vergabe von Prioritäten hilft.

Und dann kannst du die anstehenden Aufgaben auch ruhig und konzentriert erfüllen.

Manchmal ist eine harte Abgrenzung gegenüber Kollegen oder Vorgesetzten nötig, damit man wieder in die Lage kommt, selbstwirksam und selbstbestimmt im gewählten Maß zu arbeiten. Und das müssen andere oft erst noch lernen.

Familienmanagement – der Marathon auf der Slack-Line

Liebe Muttis da draußen! Vergesst das Mutti-Tasking! Und denkt einmal mehr an Euch! Delegiert, was Ihr abgeben könnt und schont Eure Nerven. Denn Familie ist – wie neulich eine liebe Freundin so schön formulierte – wie ein Marathon auf der Slack-Line. Es braucht viel Ruhe und Konzentration, um die Balance zu halten!

Hier mein Notfallprogramm für den Ernstfall, wenn alles zu viel wird…

5 Schritte Erste Hilfe bei akutem Mutti-/ Multitasking-Anfall:

  1. Alles stehen und liegen lassen
  2. Raus gehen, tief durchatmen
  3. einmal die Füße auf dem Boden spüren und sich regelrecht ERDEN
  4. sich selbst die Erlaubnis geben: Ich darf eins nach dem anderen in Ruhe machen!
  5. Sammeln, sortieren, wichtigste Aufgabe auswählen und mit Ruhe neu beginnen…

Viel Erfolg! Und schreibt mir mal Eure Erfahrungen damit!

 

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