Teil 2 zu Wut-Management: Wenn unterdrückter Ärger explodiert – mehr Wissen über Wut und Ärger

15. Jun, 2019

Wir brüllten uns tatsächlich an. Unfassbar! Ich. War dabei. DAS. Zu tun… Ich weiß gar nicht, wie oft ich in meinem Leben je so reagiert habe. Nicht so oft. Und was zu diesem Zeitpunkt lange nicht rausgekommen war, das brach sich kraftvoll eine Bahn. Die nicht schön war. Gar nicht. Kennst du das? Ewig Faust in der Tasche machen oder dir sagen „reg dich nicht auf… bringt ja nichts!“ Ich versuche, aus solchen Erlebnissen immer zu lernen und habe hier in Kürze zusammengetragen, was mein Stand ist. Wenn du also ein bisschen was zu diesem Thema lernen magst, dann lies weiter!

Ich bin nicht schnell wütend, auch weil ich es sehr gut gelernt habe, meinen Ärger zu unterdrücken. Gleichzeitig bin ich relativ tolerant, so dass oft gar nicht erst Ärger entsteht. Weil ich weiß, dass Menschen im Kern IMMER eine gute Absicht haben bei dem, was sie tun. Naja, die meisten zumindest meistens.

Aber in diesem Moment war ein wunder Punkt erreicht worden von meinem Gegenüber: Es stand die Unterstellung im Raum, ich sei eine schlechte Mutter und würde die Augen verschließen. Ich weiß noch ganz genau, wie die Hitze von unten in meinem Körper hochschoss und mir förmlich die Schädeldecke zerriss. Keine Chance mehr für Impulskontrolle! Das Maß war voll. Und ich wurde laut, sehr laut. Definitiv zu laut. Ich habe mich hinterher dafür entschuldigt. Die Explosion war aber schon passiert, hatte dafür gesorgt, dass ich mir Luft machte und Energie abließ. Meine Aktion sorgte sicher auch für Abgrenzung: Nicht so! Nicht mit mir! Was das jetzt allerdings auch im Nachgang bewirken wird, das wird man noch sehen…

Ärger und Wut kann man sammeln wie Rabattmarken

Ich hatte meinen Ärger gesammelt wie man vielleicht Bonuspunkte oder Rabattmarken in einem Heftchen sammeln kann. Diese Formulierung von A. Schmale-Riedel aus Ihrem Buch mag ich besonders gerne. Jedes Mal, wenn ein kleiner Ärger entstanden war, hatte ich ihn in mir abgelegt. War doch nicht so schlimm oder nicht so wichtig, als dass man daraus hätte Stress entstehen lassen müssen… Aber die Sammlung macht den Unterschied, die Menge wird größer, und irgendwann explodiert dieser Rabattmarken-Berg förmlich. Und meist steht das gegenüber dann sehr erstaunt davor und versteht gar nichts mehr. Wieso regst du dich denn JETZT so auf? Kennst du das? Warum drücken wir Ärger und Wut weg?

Lernerfahrungen können dafür sorgen, dass wir Ärger tatsächlich nicht mehr spüren

Viele von uns haben tatsächlich ein Thema damit, Ihren Ärger überhaupt zuzulassen oder zu spüren. Denn viele von uns haben gelernt, dass das nicht gut ist. Zu intensiv sind vielleicht die eigenen Erfahrungen gewesen mit der Schattenseite der Wut: Zerstörung und Verletzung (siehe dazu auch der letzte Blogartikel dazu: Gute Wut tut allen gut. Und ganz ehrlich: Auch ich habe solche Erfahrungen gemacht. Ich habe Wut als etwas sehr Gefährliches und Destruktives kennen gelernt, schon sehr früh in meinem Leben. Seit Monaten beschäftige ich mich intensiver mit dem Thema, denn ich weiß, dass ich die positive Seite der Wutkraft brauche: Für mich persönlich, für meine Kinder, meine Coachees, mein Geschäft. Wutkraft schafft Energie für Veränderung. Diese Energie möchte ich mir erschließen. Und sehr wahrscheinlich wurde dieser Wutausbruch neulich erst möglich durch diese Arbeit an mir. Er war nicht schön, und gleichzeitig sehe ich daran einen Lernfortschritt bei mir und wird mir in Zukunft auch die Arbeit mit wütenden Menschen ermöglichen, da ich jetzt einen Zugang zu dem Thema habe…

In dieser Zeit ist mir Folgendes aufgefallen: Ganz oft passiert es mir, dass ich ein Erlebnis habe und in dem Moment gar nicht mitbekomme, was das mit mir macht. Erst hinterher kommt dann eine Wut hoch, bei der ich gerne mal die Tendenz habe, sie eher weg zu drücken, so nach dem Motto „ganz so schlimm ist das ja doch nicht“… (siehe oben) Und dazu habe ich dann die Stimme meiner Mutter im Ohr, die das – ich weiß gar nicht wie oft – als Mantra predigte. Dieses nicht-so-ernst-nehmen einer Situation sorgte sicherlich immer wieder dafür, auf Distanz zu gehen und etwas nicht so sehr an sich heranzulassen. Auf den ersten Blick eine schlaue Strategie im Selbstmanagement, sich eben nicht aufzuregen.

Wutgefühle haben eine Aufgabe

Wie bei allem im Leben macht jedoch die Dosis das Gift! Zu viel Unterdrücken, das schadet definitiv, denn das Wutgefühle soll ja eine Aufgabe wahrnehmen. Es soll dafür sorgen, dass ich mich um ein noch unerfülltes Bedürfnis von mir kümmere. Stattdessen wird allenfalls eine Begrifflichkeit verwendet wie „Ich bin irritiert!“ oder das Vorkommnis wird direkt ganz weggelächelt. Kennst du auch solche Menschen, die scheinbar zu allem lächeln können und offensichtlich über den Dingen stehen? Ich habe oft den Eindruck, dass es Ihnen wirklich nichts ausmacht. Und tatsächlich ist es oft so, dass solche Menschen den Ärger nicht empfinden. Weil sie es zum Teil gar nicht mehr können.

Immer freundlich zu sein, das bedeutet Gewalt an mir und anderen

Der große Jesper Juul spricht in seinem Buch „Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder nötig ist“ sogar von einer „Gewalt der Freundlichkeit und Korrektheit“. Damit meint er, dass gerade die Menschen, die aus moralischen Gründen stets freundlich und voller Verständnis sowie positiv denkend sind oder sein wollen, diese Haltung (meist unbewusst) nutzen, um damit Aggression zu verstecken. Wenn dazu noch ein kommunikatives Geschick kommt und eine gute sachliche Argumentationsfähigkeit, wenn sich also jemand sehr gut ausdrücken kann, dann gelingt das sogar in einem hohen Maße. Bloß ist die Freundlichkeit dann eben nicht wirklich echt. Und wir werten sowohl unsere Gefühle ab als auch die der anderen. Wir nehmen unsere Bedürfnisse nicht ernst, und können auch die Bedürfnisse des anderen nicht wahrnehmen.

Mitunter ist Aggression in der Erziehung regelrecht tabu – dabei steckt nicht hinter jeder Wut auch wirklich Wut

In der Erziehung gibt es viele Tendenzen dazu, dass Aggressionen frühzeitig unterdrückt werden. Kinder, insbesondere Mädchen, sollen doch bitte nicht „böse“ sein. Jesper Juul befürchtet in dem o.g. Buch sogar ein Aggressionstabu. Hintergrund dabei ist, dass wir gerade aus unserer deutschen Vergangenheit, aber auch weltweit die Verbindung aufgemacht haben, dass Aggression zu Gewalt führt (eigentlich nur die Schattenseite der Wut), und Gewalt dann zu Krieg führt. Und da wir alle keinen Krieg wollen geht die logische Kette wieder rückwärts… wir lehnen auch die Aggression ab. Umgekehrt ist es genauso falsch, dass für Männer oder Jungs lediglich Wut als einziges intensives Gefühl erlaubt zu sein scheint! Traurig sein ist schwach, sich Schämen ist noch peinlicher und Angst haben geht schon mal gar nicht! Alles was für Pussys! Und wenn Männer eins nicht sein dürfen in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht, dann ist das Schwäche zeigen. Gott sei Dank ändert sich das langsam. Denn all diese Angst, Traurigkeit und Scham, die als Wut getarnt um die Ecke kommt (irgendwo müssen die Gefühle ja hin) sorgen dafür, dass wir vermeintlich viel mehr Aggression um uns herumhaben als eigentlich sein müsste. Was im Umkehrschluss heißt: Wenn wir alle unsere Gefühle, nicht nur Wut, adäquat empfinden, leben und nutzen würden, dann könnte die Welt ein friedlicherer Ort sein. Das glaube ich wirklich!

Nichts-Tun kann auch aggressiv sein

Zurück dazu, wie wir unseren Ärger verstecken…: Ein weiterer Weg, Ärger versteckt loszuwerden, ist ein sogenanntes passiv-aggressives Verhalten: Diese Menschen vergessen dann regelmäßig etwas zu tun, antworten nicht auf Fragen… sie machen eben „gar nichts“ und gehen damit Konflikten aus dem Weg. Manchmal geschieht das auch durch plötzliche Müdigkeit oder Äußerungen wie „dazu fällt mir nichts ein“ oder „darüber will ich nicht reden“. Irgendwann produziert dieses Verhalten wieder noch mehr Ärger beim Gegenüber. Zur Rede gestellt sind die Passiven dann oft erstaunt und verstehen erstmal nicht, was man denn meinen würde. Interessanterweise wirkt dann ein „offener Angriff“ regelrecht erlösend, weil man sich jetzt endlich wehren darf.

Auch hierbei stecken hinter solchen Verhaltensmustern oft ungünstige Erfahrungen, die die Betroffenen häufig in der Kindheit gemacht haben. Wenn du als Kind mit Kontaktabbruch und Liebesentzug bestraft wurdest, wenn du auch nur ansatzweise aggressiv warst, dann bleibt etwas hängen: Offensichtlich bist du es ja nicht mal wert, dass man sich mit dir auseinandersetzt.

Wir haben alle verdammt gute Gründe, warum wir Aggressionen meiden…

Zu viel Verdrängung macht krank

Diese verdrängte Wut ist aber nicht weg, sondern sie wird sich auf anderen Wegen nach vorne schieben: schlechte Laune, körperliche Symptome, über Träume, sexuelle Unlust, eventuell sogar richtige Erkrankungen. Bluthochdruck beispielsweise wird mit unterdrücktem Ärger zusammengebracht. Auch Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Verspannungen, Hautprobleme… die Liste ist lang. Almut Schmale-Riedel schreibt in Ihrem Buch zu „Weiblicher Wut“, dass sich unterdrückter Ärger auch im Nägelkauen, Haare ausreißen, exzessives Pickelausdrücken, Hautkratzen und Zähneknirschen zeigen kann. Zusammengekniffene Mundwinkel und aufeinandergepresste Kiefer sind weitere Zeichen. Es wird viel Energie gebraucht und viel Spannung, um diese Wut-Energien im Zaum zu halten. Wenn das auslösende Erlebnis (oder mehrere) dann verdrängt oder vergessen wurden, dann gibt es auch oberflächlich keinen Zusammenhang mehr und diese Symptomatik ist anscheinend zusammenhanglos und basiert rein auf körperlichen Umständen (Das habe ich von XY geerbt!)

Möglichkeiten zum Zugang zur Wut: Körper, Fühlen und Denken

Wenn wir verstanden haben, dass unsere Wut vor allem etwas über uns und unsere Bedürfnisse und Verletzungen aussagt und nicht so viel mit dem anderen zu tun hat, dann können wir anfangen, unserer Wut auf die Spur zu kommen. Dafür gibt es drei Wege:

  • Körper: Es lohnt sich sehr, eine achtsame Körperwahrnehmung zu trainieren. Was spürst du da? Außen und innen? In der Körpermitte? Was macht das berühmte Bauchgefühl? Mögliche Signale, die du dann bekommst, könnten z.B. Verspannungen sein, der zusammengepresste Kiefer, zappelige Füße oder Beine… Wie ist deine Atmung? Ist sie womöglich sehr schnell oder hältst du mitunter regelrecht die Luft an? Klopft das Herz? Wird es dir manchmal heiß? Kaust du an den Fingernägeln oder zupfst du an der Nagelhaut? Erstmal nur wahrnehmen, was da ist! Und wenn du langsam mit den Signalen vertraut bist, dann kannst du dich fragen: Wieso reagiert mein Körper genau jetzt genau so? Was ist mein Bedürfnis?
  • Fühlen: Vor allem, wenn es so diffuse unklare Gefühle gibt, schlechte Laune, genervt sein, unwohl sein, Traurigkeit…. Auch hier lohnt es sich sehr nachzuspüren: Was ist denn das genau, was ich da fühle? Innehalten, Kaffee oder Tee nehmen, Ruhe aufkommen lassen… spür nach, bis klarer wird, was genau das für ein Gefühl ist. Oder ist es womöglich eine Gefühlsmischung? Auch hier die Frage: Was brauche ich?
  • Denken: Gerade dort bekommst du viele gute Anhaltspunkte! Innere Selbstgespräche z.B., sich im Kreis drehende vorgestellte Dialoge mit einer anderen Person. Vor allem, wenn Gedanken immer weiter kreisen… beobachte dich genau und sei offen dafür, was du siehst! „Böse“ Gedanken verbieten oder verhindern wollen, das löst sie nicht auf. Was brauchst du? Almut Schmale-Riedel schreibt auch sehr gut darüber, dass wir uns gerade dann, wenn wir keinen Zugang zur Wut haben und sie auch nicht mögen, uns umso heftiger über andere aufregen können. Das zeigt sich dann gerne auch in Ironie, Abwertungen, bissigen Bemerkungen… Auch hier die Frage: Welche Gedanken und Gefühle hast du, die du am liebsten gerade NICHT hättest?

Wut lässt sich ergründen

Asiatische Ansätze wie Meditationen, aber auch das westliche Gebet, sind tatsächlich gute Möglichkeiten, die eigene Wut besser zu verstehen. Wut muss angenommen und verstanden werden, damit wir begreifen, was für uns in diesem Moment so wichtig ist und was geändert werden soll, damit es uns gut geht. Wir brauchen hier vor allem Mitgefühl und Verständnis für uns selbst! Wozu soll dein Ärger gut sein?

Mahatma Ghandi, der ja vor allem für seine Friedfertigkeit bekannt ist, stellt hier die folgende Frage: „Wie könntest du die Wut, die du jetzt fühlst, am besten nutzen?“

Ärger ist oft mit einem anderen Menschen verbunden, weil DER etwas nicht richtig gemacht hat. Die wichtige Frage für eine wirklich handlungsorientiertes Nutzen des Ärgers ist aber der Fokus auf uns selbst.

  • Welches Bedürfnis hast du?
  • Wie wichtig ist das? Jetzt?
  • Möchtest du das ansprechen, weil es dir wichtig genug ist, und dich dafür einsetzen?
  • Ist die aktuelle Situation passend für eine konstruktive Auseinandersetzung?
  • Oder willst du auf die Erfüllung deines Bedürfnisses verzichten, OHNE dafür eine Rabattmarke zu kleben?

Konstruktive Auseinandersetzung bedeutet, sich zu zeigen!

Der konstruktive Umgang mit unserer Wut braucht es, dass wir unsere Bedürfnisse ausdrücken und unsere Enttäuschungen und Verletzungen zeigen. Das braucht vielleicht auch Mut! Wenn du das tun willst, dann hilft vor allem eine wichtige Grundregel – In ICH-Botschaften reden: Sprich über dich, wie es dir geht und was du brauchst. Vorwürfe, Interpretationen oder Bewertungen helfen dabei nicht weiter! Hier gibt es ganz viel Material, gute Bücher, Kurse und Seminare von Marshall Rosenberg unter dem Titel „Gewaltfreie Kommunikation“ oder auch Achtsame Kommunikation. Wenn du merkst, dass du das gerne lernen möchtest, dann mach dich hier fit!

Es kann auch sehr gut helfen, sich erst einmal körperlich abzureagieren: Joggen, Squash oder Tennis, Holz hacken,…    auch aufräumen und putzen sind da gut für geeignet! Lass es aber nicht beim reinen Abreagieren, denn der Grund für die Wut kommt wieder. Du musst ihn schon anschauen!

Eine gute Methode ist auch, Briefe zu schreiben, die du dann gar nicht abschickst. Das ist vor allem hilfreich und sinnvoll, wenn der Mensch, mit dem die Wut zusammenhängt, nicht da ist, krank oder vielleicht sogar schon tot ist.

Und wenn es ein richtig großes und wichtiges Thema ist, dann können auch Coaches und vor allem auch Therapeuten dabei helfen, alte aufgestaute Wut anzusehen und loszulassen.

Was habe ich aus einem Erlebnis gelernt? Ich bin in meiner Arbeit an meiner Wutfähigkeit weitergekommen Das ist gut. Ich übernehme auch die Verantwortung für meinen Wutanfall. Ich habe meine Bedürfnisse gesehen: Die haben was mit Anerkennung und Wertschätzung zu tun. Und offen ist für mich noch die Frage, was ich damit machen werde. Konstruktive Auseinandersetzung beinhaltet, dass eine echte Möglichkeit auf Änderung besteht. Da bin ich mir nicht sicher. Und dann ist mir mein Frieden wichtiger.

„Jede Beziehung stellt an uns die Forderung, unsere Liebesfähigkeit zu erweitern.“ – Jesper Juul

 

Zum Weiterlesen und Lernen:

Artikel im Blog: Gute Wut tut allen gut.

Buchtipps:

  • Almut Schmale-Riedel: Weibliche Wut – auch für Männer geeignet 🙂
  • Vivian Dittmar: Gefühle und Emotionen – eine Gebrauchsanweisung
  • Eric Berne: Spiele der Erwachsenen, Psychologie der menschlichen Beziehungen
  • Arun Ghandi: Wut ist ein Geschenk (das liegt noch auf meinem Stapel – der Anfang ist vielversprechend)
  • Jesper Juul: Aggression. Warum wir sie für uns und unsere Kinder notwenig ist.

Von Vivian Dittmar gibt es  auch einen sehr guten Online-Kurs zum Thema Gefühle auf www.heilung.com!

 

 

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