Verdammt, ich bin verletzlich... was tun?

23. May, 2017

Wieder so ein Tag. Gefühlt der 100ste im letzten Jahr. Ich werde wach und höre kurz danach im Bad im Radio, dass es wieder einen Anschlag gegeben hat. Diesmal in Manchester. Und wieder war es überraschend, wieder einmal an einem Ort, an dem man hingeht, um Freude zu haben, ein Konzert einer Künstlerin, die sogar insbesondere Jugendliche anspricht… wie perfide!

Auch dank der Medien haben viele immer mehr das Gefühl, dass die Welt bedrohlicher wird.

„So war das doch früher nicht!“ – das höre ich auch immer wieder in Gesprächen mit Freunden und Verwandten. War es schon (man denke an die Zeiten der RAF oder auch den britisch-irischen Konflikt; über den 2. Weltkrieg wollen wir nicht mal reden). Gewalt gehört zum Menschen dazu. Wir sind als Spezies so erfolgreich, weil wir das aggressivste Lebewesen auf dieser Erde waren und sind. Wir erfahren jetzt mehr darüber. Ich habe Freunde, die keine eigenen Kinder bekommen möchten, weil Ihnen diese Erde zu bedrohlich dafür scheint. herz_verletzlichkeit

Unser Leben hier in dieser kleinen Stadt ist erst einmal sehr beschaulich: Großstädte und Krisengebiete sind weit weg. Aber gefühlt rückt das alles näher. Große Fragezeichen tun sich immer mehr auf: Trump, Rechtsextremisten, Extremisten überhaupt, Flüchtlingsthemen…bei der Frankreich-Wahl saßen mein Mann und ich gebannt vor dem Fernseher, um im entscheidenden Moment um 20 Uhr aufzuatmen. Mit Macron schien gerade nochmal etwas gut gegangen zu sein.

Die Welt scheint im Umbruch, und es wird alles viel zu komplex, als dass der normale Mensch die Zusammenhänge überhaupt noch erfassen könnte. Selbst Demokratie scheint überholt in Zeiten, wo genau diese einfachen, normalen Menschen über Dinge abstimmen sollen, deren Tragweite sie nicht erfassen (können) – siehe Brexit.

Was bleibt ist ein Gefühl der Verunsicherung, und immer wieder mal meine Fantasie, die bedrohliche Formen von „Was wäre wenn“ produziert… was wäre wenn, wir auf einen dritten Weltkrieg zulaufen und meine Jungs irgendwann eingezogen werden, um irgendwo irgendwie zu kämpfen (wer weiß schon welche Kampfformen es in Zukunft geben wird)… Oder auch Varianten der Empathie…“Was wäre, wenn du an der Stelle der Mutter wärst, die ihre Kinder auf der Flucht verliert…?“

Ich spüre sehr stark, dass es verletzlich macht, Familie zu haben. Ich mache mir Gedanken um meine Lieben, manchmal auch Sorgen. Das geht von Schulfragen über die richtige Ernährung bis hin zu sozialem Umfeld, aber eben auch in Richtung Europa und Welt.

Diese Verletzlichkeit hatte ich früher so nicht, bevor ich meine Familie hatte. Tatsächlich ist es so, dass das sogenannte „Sorgenzentrum“, ein Hirnareal, während der Schwangerschaft wächst und mit Kinder signifikant größer ist als vorher. Auch das ist Realität.

Wie gehe ich mit meiner Verletzlichkeit und meinen Sorgen um?

Selbstmanagement ist ja die Kompetenz, sich selber gezielt und nachhaltig zu steuern, damit die eigene persönliche und berufliche Entwicklung unabhängig von äußerlichen Einflüssen stattfinden kann. Das heißt im Kern: Ich treffe Entscheidungen!

Ich kann mich jetzt in diese Sorgen hineinsteigern und fallen lassen. Je mehr ich mir Sorgen mache, umso größer wird mein Sorgenzentrum im Hirn werden (benutzte Hirnteile verstärken sich und wachsen). In der Folge werde ich mir noch mehr Sorgen machen, und so weiter. Ich bin also verantwortlich dafür, wie ich mich an dieser Stelle entwickele und wie es mir geht. Niemand anders: Weder Trump noch Flüchtlinge.

Sorgen sind gleichzeitig menschlich. Und ein Gefühl wegdrücken zu wollen, das funktioniert bekannterweise nicht. Das ist so wie die Aufforderung, nicht an einen rosa Elefanten zu denken. Der erste Schritt ist also eine Annäherung an das Thema – Hinschauen ist wichtig: In der tibetischen Meditation gibt es die Tradition des „Dämonen fütterns“. Ein Dämon (in unseren Fall die Sorge) will betrachtet und angesehen werden: Warum ist er da? Was braucht er, um sich besser zu fühlen? Übrigens eine Technik, die auch in der Hypnose angewendet wird: Angenommen, deine Sorgen hätten eine Gestalt und wären ein Wesen, wie sähe es aus, und was würde es sagen? Über diese innere Betrachtung, was auch gut in einem Coaching oder einer Therapie begleitet erfolgen kann, nähert man sich dem Thema, das für einen eigentlich dahinterliegt. Es geht oft um Bedürfnisse, die wir haben.

Verletzlichkeit gehört zum Leben und ist ein Ausdruck von Liebe

Ich habe für mich festgestellt, dass Sorgen ein Stück weit Ausdruck meiner Liebe zu meiner Familie sind. Und ich habe mich auch gefragt, wie ich diese Liebe vielleicht anders ausdrücken kann als über meine Sorgen, wenn das Kind alleine an einem kleinen Bach spielen geht.Rose_verletzlichkeit

Verletzlichkeit gehört zu diesem Leben, und ich werde es nicht ändern können. Gleichzeitig kann ich üben, stattdessen dankbar zu sein dafür, dass ich so etwas Schönes erfahren darf. Immerhin habe ich gute Gründe, mich so verletzlich zu fühlen.

Dankbarkeit ist gefühlsmäßig übrigens das komplette Gegenteil von Angst haben. Du kannst nicht gleichzeitig Angst haben und dankbar sein. Die Amerikanerin Bréné Brown hat daraus eine Art Mini-Übung entwickelt: Jedes Mal, wenn sich Angst und Sorgen einstellen, schlägt sie vor, regelrecht Selbstgespräche anzufangen: „Es ist ok, dass du Angst hast. Und du kannst dankbar sein, dass deine Tochter (dein Sohn) da ist, dass er schon so gut schwimmen kann etc.“ Durch diese Art von Selbstgespräch kannst du aktiv deine Empfindungen steuern. Probier das mal aus! Vielleicht ist das am Anfang schwer, aber auch hier gilt: Übung macht den Meister.

Darüber hinaus habe ich mir noch folgende Tricks angewöhnt im Umgang mit der allgegenwärtigen „Bedrohung“:

Meine TOP 5 im Umgang mit der Welt und ihren schlechten Nachrichten:

  1. Der Wecker (ein Radiowecker) steht nicht auf der vollen oder halben Uhrzeit. Sonst riskierst du nämlich, mit den allerneuesten Horrornachrichten geweckt zu werden. Schlechtes Zeitmanagement kann auch solche Züge haben. Unschön!
  2. Ich verfolge Nachrichten/ Zeitung regelmäßig, aber ich achte sehr genau darauf, ob ich in der richtigen Stimmung dafür bin. Nach einem bescheidenen Tag schaue ich also nicht automatisch die Tagesschau.
  3. Bei Gesprächen mit Kunden, Freunden und Bekannten versuche ich, konstruktive und hoffnungsvolle Dinge/ Sachverhalte einzubringen. Gemeinsames Jammern wirkt zwar vielleicht verbindend, ist aber nicht gut für die Moral. Mitunter gehe ich dann einfach.
  4. In den sozialen Medien schaue ich mir lange nicht alles an – das ist echter Selbstschutz! Und ich versuche mehr und mehr, Hintergründe und Quellen zu durchdringen. Dabei ist aus meiner Sicht entscheidend, dass selten etwas nur schwarz und weiß ist.
  5. Vielleicht bin ich ein hoffnungsloser (?) Optimist: Ich glaube daran, dass die Menschheit irgendwie die Kurve kriegt. Und ich glaube in diesem Zusammenhang ganz stark an Bildung. Das lebe ich meinen Kindern vor – lesen und lernen, Dinge hinterfragen. In meiner Familie kann ich das uneingeschränkt weitergeben. Sogar Freunde von meinen Kindern bekommen das manchmal mit 😊.

Verletzlichkeit zeigt mir, dass ich etwas spüren und fühlen kann, dass ich etwas Wertvolles wie Liebe erfahre und dass ich in Kontakt bin mit dem, was mich umgibt. Dann kann ich die Entscheidung treffen, zu schützen, zu vermeiden, es aktiv anzugehen oder es auch einfach mal zu akzeptieren. Es liegt viel Stärke und Freiheit darin, sich diese Verletzlichkeit einzugestehen, anzuerkennen und darüber in echten Kontakt zu kommen – mit sich und mit anderen.

Verdammt, ich bin so verletzlich…!

Wie geht es dir?verletzlichkeit buch

 

 

Buchtipp in diesem Zusammenhang: Verletzlichkeit macht stark – von Bréné Brown

 

 

 

 

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